Kolumne von Dr. Dietrich Mack



Aufschieberitis als Krankheit

Wieder so ein Fall. Die Berlinale, das drittgrößte Filmfestival der Welt,  steht wieder einmal am „Abgrund“, wie eine große Tageszeitung schrieb. Der Nahostkonflikt wurde auf offener Bühne ausgetragen und führte zu schweren Turbulenzen. Die Leitung wirkte überfordert. Müssen Köpfe rollen? Der Aufsichtsrat tagte und vertagte Entscheidungen. Vertagen verschafft Zeit, aber nicht immer Rat.
Auf allen politischen, vielen wirtschaftlichen und kulturpolitischen Ebenen wird heute mehr beraten als entschieden. Gremien und Meetings sind die Zauberworte. Für jedes Problem gibt es ein Gremium und für neue Probleme ein neues, gut dotiertes. Kommissionen, Gutachterausschüsse, Hearings, Workshops, Brainstormings, Online-Meetings, die sich in der Corona-Pandemie gewaltig vermehrt haben und ständig um Feedback und Learnings bitten. Man könnte glauben, wir lieben diese Kollektivitis um ihrer selbst Willen. Das würden natürlich alle Entscheidungsträger empört leugnen und auf deutsche Gründlichkeit und Komplexität der Probleme verweisen. Man müsse die „Weisheit der Vielen“ nützen, um erfolgreich handeln zu können, seien es die Mitarbeiter im Kleinbetrieb oder die Experten für eine Rentenreform. Sie drehen und wenden die Probleme nicht mehr diskret im Hintergrund, sondern öffentlich. Windmühlen im Dauereinsatz.
Das schafft Luft. Wie die Richter, die schwierige Fälle auf die sprichwörtliche lange Bank schoben, so sind auch die Entscheider in Politik, Wirtschaft, Kulturpolitik zunächst entlastet. Einerseits können sie nachdenken, andererseits sich absichern, Verantwortung teilen, Risiken minimieren. Am Ende aller Diskussionen, aller Verzögerungen muss aber entschieden werden, muss der Knopf ans Hemd. Auf den Knopf kommen wir noch zurück.
Zur  „Kollektivitis“ kommt die „Aufschieberitis“, die „Prokrastination“. Auch sie hat zwei Seiten. Eile mit Weile, sagt der Volksmund, aber auch: Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute. Was nun? Kommt darauf an! Hannibal, der große Feldherr aus Nordafrika, hat nicht lange gezögert und wider alle Vernunft die Alpen mit Kriegsgerät und Elefanten überschritten, aber als er die siegesgewohnten Römer bei Cannae vernichtend geschlagen hatte, zögerte er, Rom zu erobern. Möglicherweise wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. Bei Hamlet ist der Fall einfacher, ihm ist der angeborenen Farbe der Entschließung des Gedankens Blässe angekränkelt. Vor allem demokratisch gewählte Politiker sind heute Hamletianer. Sie zögern und zaudern, als ob das ganze Leben eine Porzellankiste wäre. Autoritäre Bösewichter gibt es genug, aber Menschen mit Autorität, die ohne Gremien und Zögern gute Entscheidungen treffen, viel zu wenige.
In der schönen Stadt Münster, in der man fünf Jahre verhandelt hat, um den Dreißigjährigen Krieg zu beenden, gibt es an der Universität ein Institut zur Erforschung der Prokrastination, das an einem „Behavioral and Emotional Prokrastination Scale“ arbeitet. Zackig heißt das: BEPS. Bei einem freiwilligen Test im Internet (da geht es um Studiendinge, die man aufs wirkliche Leben übertragen kann) erfuhr ich, dass ich Dinge vor mir herschiebe, weil ich zum Perfektionismus neige und Druck brauche, um besser zu arbeiten (Abgabefrist dieser Kolumne!). Immerhin nicht aus Faulheit oder Feigheit prokrastiniere. Ich war beruhigt und nehme mir die Regel zu Herzen, alle Aufgaben, die nicht länger als drei Minuten brauchen, sofort zu erledigen. Dazu gehört der berühmte Knopf. Ist er abgerissen, gibt es drei Möglichkeiten: sofort annähen, verschieben, delegieren. Wenn der Knopf sofort angenäht ist, hat man viel Luft, um über die Probleme der Berlinale nachzudenken, von den wirklich großen ganz zu schweigen.