
Gedanken, Beobachtungen und Geschichten rund um Kultur, Kunst und das Leben von Dr. Dietrich Mack.

Dr. Dietrich Mack ist Autor, Dramaturg und Kulturpublizist. Nach seinem Studium der Philosophie, Theater-, Musik- und Kunstgeschichte war er unter anderem bei den Bayreuther Festspielen tätig und leitete später den Bereich Film, Serie und Musik beim Südwestrundfunk (SWR). Seit vielen Jahren schreibt er über Kunst, Musik und Literatur und begeistert seine Leserinnen und Leser mit fundierten Beobachtungen, feinem Humor und einem wachen Blick auf die Kultur unserer Zeit. (Wikipedia)
Bayreuth: Am Anfang war die Tat (1)
Die Gegenwart ist immer aufgeregter als die Geschichte. Vor fünfzig Jahren beim 100. Jubiläum der Bayreuther Festspiele saß Wolfgang Wagner zwar fest im Sattel, aber es gab heftige Turbulenzen im familiären und finanziellen Bereich. Sein Bruder Wieland war tot, seine Mutter Winifred lebte noch, Syberberg hatte seinen Wahnfried Film gedreht. Nun wussten die letzten, dass Hitler in Bayreuth gewesen war. Als Wolfgang Wagner für den „Ring“ den unbekannten jungen Regisseur Patrice Chereau (er war 31 Jahre alt) und den Dirigenten Pierre Boulez engagierte, drohten die Geldgeber, vor allem der mächtige Freundeskreis und die Bayerische Staatsregierung, mit Kürzungen, tobten Teile der Kritik und des Publikums mit Trillerpfeifen und Handgreiflichkeiten. Es war richtig viel los! Der Autor war dabei. Schon im dritten Jahr der Aufführung war alle Begleitmusik vergessen, fortan sprach man nur vom „Jahrhundertring“. Manchmal flicht die Nachwelt den Mimen Lorbeerkränze. Ob man sich auch an das 150. Jubiläum als ein großes künstlerisches Ereignis erinnern wird, wissen wir nicht. Aber wir wissen, wie alles begann.
26 Jahre hatte Richard Wagner, dieser immer verschuldete, bis heute spaltende Komponist an seiner kühnen, ja revolutionären Festspielidee gearbeitet, immense Schwierigkeiten überwunden. An seinem 59. Geburtstag, am 22. Mai 1872, legt er den Grundstein für sein Festspielhaus, führt die IX. Symphonie von Beethoven im Markgräflichen Opernhaus auf. Anders als heute wird in kurzer Zeit auf dem „Grünen Hügel“ die „Scheune“ aus rotem Backstein gebaut. Sie hat Platz für 1800 Besucher, eine einzigartige Akustik und den berühmten „mystischen Abgrund“ für das Orchester. Am 13. August 1876 werden die ersten Festspiele mit dem „Ring des Nibelungen“ eröffnet, es sind die ältesten der Neuzeit. Salzburg folgt erst 44 Jahre später. Der deutsche Kaiser, ein türkischer Sultan, ein ägyptischer Khedive, Damen des Hochadels und viele Snobs reisen an, der Kanzler Bismarck erscheint gar nicht, der bayerische König Ludwig II. nur heimlich zu den Generalproben. Vor allem Franzosen und Russen sind begeistert, Musikkenner und Kritiker streiten heftig. Es ist ein Spektakel. Nach drei Zyklen enden die Festspiele mit einem Defizit (das Ludwig II. tilgen wird) und herber Enttäuschung. Wagner hatte hervorragende Sänger, Musiker, Mitarbeiter aus ganz Deutschland und Österreich verpflichtet, an ihrer Spitze den Dirigenten Hans Richter, hatte wie kein Opernregisseur vor ihm intensiv geprobt, versucht mit neuer Bühnenmaschinerie eine „Idealität“ herzustellen, nichts dem Zufall überlassen und als „Letzte Bitte“ an die Künstler appelliert: „Deutlichkeit! Die großen Noten kommen von selbst. Die kleinen Noten und ihr Text sind die Hauptsache.“ Ein immer aktueller Appell. Aber alle Mühen, ein ideales Illusionstheater zu schaffen, hätten nur zur Geburt eines gewöhnlichen Theaterkindes geführt, schreibt er erschöpft und desillusioniert seinem König. Seine Visionen einer idealen Bühne und seine politischen Hoffnungen waren geplatzt. Auch freier Eintritt für Jedermann, erwies sich als Illusion. Aus Frust und Zorn sagt er, die beiden „Boutiken“ , Festspielhaus und Wohnhaus Wahnfried, sollten abbrennen. Sie stehen bis heute.
Diese ersten „Ring“ Aufführungen sind ein historisches, aber kein künstlerisches Monument. Sechs Jahre steht das Haus leer, erst zwanzig Jahre später folgt die zweite „Ring“- Inszenierung in Bayreuth. Da ist Wagner schon lange tot. Ihm bleiben nur gut sechs Jahre, um ein künstlerisches Testament zu schaffen. Er gibt aus finanziellen Gründen den „Ring“ für eine europaweite Tournee frei, nimmt die Arbeit am „Parsifal“ auf, lebt viele Monate in Italien. Am 27.6.1882 findet die „Parsifal“- Uraufführung in Bayreuth statt. Diesmal ist Wagner mit dem künstlerischen und finanziellen Ergebnis zufrieden. Doch der Wunsch, alle Werke in „Musteraufführungen“ seinem Sohn Siegfried als Erbe zu übergeben, erfüllt sich nicht. Er stirbt wenige Monate später in Venedig am 13.2.1883. Nicht nur die Musikwelt ist geschockt. Ein Testament gibt es nicht. Er hinterlässt einen unmündigen Sohn, eine unerfahrene Witwe und jede Menge von Gegnern und Anhängern. Würde das Haus, wie der berühmte Kritiker Hanslick orakelt, bald eine Ruine sein? Es sieht düster aus. (Fortsetzung folgt).
Bayreuth: Zwei Witwen und ein Sohn (2)
13. Februar 1883: Tod in Venedig, die Welt trauert um Wagner und sofort melden sich Retter zu Wort. Sie fordern vergeblich Cosimas Vater Franz Liszt und ihren ersten Ehemann Hans von Bülow auf, die Festspiele vor dem Juden Hermann Levi, Sohn eines Oberrabbiners, zu retten, den Wagner als „Parsifal“-Dirigenten eingesetzt hatte. In den Zeitungen wird wild spekuliert. Cosima ist 45 Jahre alt und wollte eigentlich ihrem Mann ins Grab folgen. Die einen fürchten um ihr Leben, die anderen sind überzeugt, sie werde das Leben einer Nonne führen. Sie lagen falsch. Cosima meidet die Öffentlichkeit, gibt aus dem Verborgenen ihre Anweisungen und wird mehr und mehr auch öffentlich als neue „Meisterin“ auftreten, als Hohepriesterin im Dienst des hl. Richard und Bayreuth zum Monsalvat seiner Kunst und Religion machen. Ihr ideologisches Machtzentrum ist Wahnfried. Streng und humorlos fordert sie Gehorsam und Dienst, denn nur sie, die Witwe, habe das Wissen, wie Wagner seine Werke aufführen wollte. Mit Hilfe hervorragender Dirigenten, aber auch mit wachsender, eigener musikalischer und szenischer Kompetenz, wie vielfach berichtet wird, inszeniert sie das Bayreuther Repertoire, beginnend mit dem „Holländer“ (nicht mit „Rienzi“). „Parsifal“ ist sakrosankt, die Gralsbilder haben fast fünfzig Jahre Kultstatus. Cosima wird die Festspiele bis 1906 leiten und 1930 im Alter von 92 Jahren sterben, wenige Monate vor ihrem Sohn Siegfried.
Lange Zeit gelten die Bayreuther Aufführungen als mustergültig, werden von vielen Theatern nachgespielt, die Tantiemen fließen reichlich, Wagner ist der meistgespielte Opernkomponist in Deutschland. Nach einem Schlaganfall Cosimas übernimmt Siegfried 1907 das Erbe. Er ist 38 Jahre, als Komponist und Dirigent unterschätzt und als Regisseur zögerlich. Die Modernisierung der Wagnerszene findet außerhalb Bayreuths statt. Die Zeiten ändern sich schnell. Ab 1913 versiegen die Tantiemen, das Exklusivrecht für „Parsifal“ endet, der 1. Weltkrieg zwingt zu einer zehnjährigen Pause. Siegfried, homosexuell veranlagt (was damals eine Straftat ist), muss sich der Familienraison beugen und 1915 die 18jährige Engländerin Winifred Williams heiraten, die als Waisenkind bei Karl Klindworth, einem umfassend gebildeten Musiker, aufgewachsen war. Mit ihr hat Siegfried vier Kinder. Winifred begeistert sich früh für Hitler, trägt entscheidend dazu bei, dass der Boden, auf dem die Festspiele stehen, völkisch kontaminiert wird. Nach der Kriegspause kommen Ludendorff und Hitler mit großer Entourage. Nach den „Meistersingern“ erhebt sich das Publikum und singt alle drei Strophen des Deutschlandlieds. Siegfried laviert aus Sorge um das internationale Ansehen und die Finanzierung der Festspiele, engagiert gegen große Widerstände den internationalen, antifaschistisch gesinnten Stardirigenten Arturo Toscanini. Doch die Machtergreifung rückt näher, auch mit Hilfe von Wahnfried.
Dann sterben 1930 Mutter und Sohn. Winifred, durch das Testament ihres Mannes legitimiert, übernimmt das Erbe. Toscanini dirigiert ohne Gage die Trauermusik, „Tannhäuser“, „Parsifal“ und „Tristan“, verlässt aber sofort Bayreuth, als Hitler 1933 mit großem Propagandaaufwand einzieht. „Führer sei so nett, zeige dich am Fensterbrett“ singen die Kinder. Doch so harmlos ist die Sache nicht. Die Festspiele werden arisiert, Mitläufer wie Wilhelm Furtwängler, er übernimmt die musikalische Leitung, Richard Strauss und andere werden nun dirigieren, der Preußische Generalintendant Heinz Tietjen übernimmt die künstlerische Leitung. Es sind opulente Inszenierungen vor allem von „Meistersingern“ und „Lohengrin“ mit berühmten Sängern wie Max Lorenz und Maria Müller in den Hauptrollen. Hitler hilft, wenn Winifred ihn um eine „Führerspende“ bittet. Er wohnt privat im Anbau von Wahnfried, Winnie und Wolf, man duzt sich seit langem, für die Kinder ist Hitler „Onkel Wolf“. Zum letzten Mal besucht Hitler 1940 nach dem Frankreichfeldzug die „Götterdämmerung“. Er hat sie nicht verstanden. Bis 1944 gibt es Kriegsfestspiele als Bekenntnis und Beitrag zum Sieg (Robert Ley). Die Organisation KdF schickt Arbeiter aus der Rüstungsindustrie und Frontsoldaten gratis nach Bayreuth. Dann fällt der Vorhang. Wieder steht das Haus viele Jahre leer, wieder wird es heftigen Streit geben. Was wird die Familie machen?
Bayreuth: Enkel und Urenkelinnen (3)
1945 liegt Deutschland in Schutt und Asche, überm Festspielhaus weht nicht mehr die Hakenkreuzfahne, auf der Bühne gibt es Revuetheater für amerikanische Soldaten, Wahnfried hat eine Bombe erwischt, die Familie hat überlebt. In zwei Entnazifizierungsverfahren wird Winifred Wagner zunächst als Aktivistin (Goldenes Parteiabzeichen, Förderin und Nutznießerin des Nationalsozialismus), dann in der Revision als minderbelastet eingestuft. Viele Juden und politisch Verfolgte entlasten sie persönlich. Sie muss auf jede Mitwirkung bei den Festspielen verzichten, erteilt ihren beiden Söhnen Wieland und Wolfgang alle Vollmachten; die beiden Töchter Friedelind und Verena gehen leer aus, nicht ohne mediales Grollen. Wieland, der Erstgeborene (1917) und Mitglied der NSDAP, war von „Onkel Wolf“ uk. gestellt und hatte als Regisseur und Bühnenbildner gearbeitet. Wolfgang, zwei Jahre jünger, musste an die Front und wurde verletzt. Seine Theatererfahrungen waren gering. Aber die Besatzungsmächte wollten einen Neubeginn mit der Familie. So schlug 1951 die Stunde Null von Neubayreuth. Am Festspielhaus hängt wie 1925 der Anschlag „Hier gilt´s der Kunst“. Die politische Vergangenheit bleibt draußen. „Meistersinger“, „Ring“ und „Parsifal“ werden aufgeführt. Vor allem die „Parsifal“-Inszenierung Wielands, eine „Symphonie im Dunkel“ auf der radikal entrümpelten Bühne, schockiert und begeistert gleichermaßen. Weltweit wird diskutiert. Der konservative Dirigent Hans Knappertsbusch, zumindest musikalisch unanfechtbar, wird dadurch besänftigt, dass nur er vom Dirigentenpult aus die berühmte schwebende Taube sieht; dem Publikum bleibt sie verborgen. Eine Kinderei könnte man sagen. Doch bald legt sich der Sturm, die „Parsifal“-Inszenierung, die bis 1973 gezeigt wird, wirkt stilbildend weit über Bayreuth hinaus. Wieland arbeitet an vielen europäischen Theatern, macht den Neubayreuther Stil populär. Die Stuttgarter Oper wird zu seinem Winterquartier. Diese Inszenierung ist in ihrer Bedeutung für die 150jährige Geschichte der Festspiele nur vergleichbar mit der Uraufführung 1882 und mit dem „Jahrhundertring“ von Chéreau/Boulez 1976.
Es gibt nach 1951 viele interessante Inszenierungen wie „Lohengrin im Hörsaal“ oder „Meistersinger auf der Shakespearebühne“, es gibt Dirigenten, Sängerinnen und Sänger, die verewigt sind in der Musikgeschichte wie Wolfgang Windgassen, Astrid Varnay, Martha Mödl oder Birgit Nilsson. In den Programmheften schreiben die klügsten, antifaschistischen Köpfe von Adorno bis Bloch, Besucher müssen oft jahrelang auf Karten hoffen. Neubayreuth wird eine Erfolgsgeschichte. 1966 stirbt Wieland. Wie zwischen den Brüdern vereinbart, leitet nun Wolfgang die Festspiele allein. Mit seinen soliden Inszenierungen stand er zwar im Schatten seines radikalen Bruders, aber er hatte die Festspiele durch alle Krisen gesteuert, er wird sie insgesamt 57 Jahre leiten, erst 2008 zu Gunsten seiner Töchter zurücktreten und 2010 sterben. Ein fränkischer Dinosaurier, der alle überlebt hat: Eltern, Bruder, zwei Ehefrauen.
In Neubayreuth hatten, von den „Meistersingern“ 1951 abgesehen, nur die Brüder inszeniert, nun engagiert Wolfgang fremde Regisseure, die teilweise heftige Diskussionen auslösen, die scheitern oder wie Chéreau mit dem „Ring“, Götz Friedrich (damals noch ein DDR-Star) mit „Tannhäuser“ oder Harry Kupfer mit „Holländer“, glücken. Erfolge und Misserfolge wechseln wie in jedem Theater, dennoch bleibt Bayreuth ein besonderer Ort, exklusiv für die Werke Wagners, Werkstatt bei der Arbeit, Krönung von Karrieren. Aber gesichert ist die Zukunft der Festspiele nicht und in den Medien bekämpft sich der Wagnerclan wie bei „Denver“. 1973 gelingt es Wolfgang mit Hilfe seiner Mutter, die dem Führer bis zu ihrem Tod 1980 nachtrauert, aber die Aufarbeitung der Bayreuther Geschichte durch die Thyssen Stiftung unterstützt, das Familienunternehmen in eine Stiftung zu überführen. Er selbst tritt erst zurück, als die Nachfolge in seinem Sinn gelöst ist und seine Töchter Eva und Katharina 2008 gewählt sind, die Urenkelinnen Wagners. Seit 2015 leitet Katharina die Festspiele allein. Beide treffen wie ihr Vater mutige Entscheidungen: Stefan Herheim inszeniert „Parsifal“, Hans Neuenfels „Lohengrin“, Barrie Kosky „Meistersinger“, Tobias Kratzer „Tannhäuser“. Kosky ist der erste jüdische Regisseur in Bayreuth. Christian Thielemann dirigiert viele Werke und mit großem Erfolg stehen immer mehr Frauen am Dirigentenpult.
So ist Bayreuth als ein besonderes Theater mit einer belastenden Vergangenheit in der Gegenwart angekommen. „Rienzi“ steht für diese Belastung. Musste man ihn deshalb zum Jubiläum aufführen? Und was wird, wenn die Geschichte und die Geschichten des Clans enden?