Kolumne

Gedanken, Beobachtungen und Geschichten rund um Kultur, Kunst und das Leben von Dr. Dietrich Mack.

Dr. Dietrich Mack ist Autor, Dramaturg und Kulturpublizist. Nach seinem Studium der Philosophie, Theater-, Musik- und Kunstgeschichte war er unter anderem bei den Bayreuther Festspielen tätig und leitete später den Bereich Film, Serie und Musik beim Südwestrundfunk (SWR). Seit vielen Jahren schreibt er über Kunst, Musik und Literatur und begeistert seine Leserinnen und Leser mit fundierten Beobachtungen, feinem Humor und einem wachen Blick auf die Kultur unserer Zeit. (Wikipedia)



Haben Sie sich im Urlaub gut erholt? 

Wenn ein Amerikaner fragt „How are you?“, wie es einem gehe, und er, nachdem ich ihm ausführlich von meiner Gesundheit, Ehe, meinem Hund, meinen Sorgen um Rente, Krankenversicherung und Grönland berichtet habe, mich beim nächsten Treffen nach meinem Namen fragt, weiß ich, dass ich kommunikativ etwas falsch gemacht habe. Daraus habe ich gelernt und beantworte inzwischen auch die beliebte Frage, ob ich mich im Urlaub gut erholt habe, nicht mit einer ausführlichen Selbstdiagnose, sondern mit einem lapidaren „Ja“, es sein denn, ich war mit der deutschen Bahn unterwegs, was zu einer seriellen Abenteuergeschichte beiderseits ausufern könnte. 

Die legendären, schlaffördernden Dia-Abende bei Schnittchen und Henkell trocken haben sich durch viele WhatsApps während des Urlaubs erledigt. Das erleichtert die Kommunikation, macht sie aber nicht besser. Wir berichten vor allem von Banalitäten, die jeder schon kennt. Traumstränden, Hotels, Restaurants. Mein Sonnenuntergang ist auch dein Sonnenuntergang. Früher fragte man Heimkehrer nach Abenteuern, die sie erlebt haben, der Entdeckung Amerikas, der Straße von Hormus, einer neuen Goldader oder einem neuen Heilkraut. Aber wir sind weder Kolumbus noch Humboldt, auch Goethe nicht, der aus Italien viel zu berichten hatte und sich, lebte er heute, über Frau Meloni, das Verschwinden der Mafia aus Norditalien, die sauberen Marmorwege in Forte del Marmi, oder, wie Staatspräsident Xi Jinping beim Galadiner im Weißen Haus, über Branzino al sale sicher gefreut und alles zu einem schönen Tagebuch aus Wahrheit und Dichtung verwoben hätte. 

Heute wollen sich die meisten Menschen im Urlaub vor allem erholen, ignorieren aber die wichtigste Voraussetzung: Abschalten. Leichter gesagt als getan. In Italien verstecken sich zwar außerhalb der touristischen Hotspots deutsche TV Sender und Zeitungen zuverlässig, von dort keine Gefahr, aber man müsste sein Handy im Sand verbuddeln. Dann erführe man zwar nichts von Jürgen Klopp, der die Fahne hochhält, den Mut nicht verliert, auch wenn die Tore noch fehlen, aber auch nichts von den Berliner Provinzpossen, vom Vormarsch der Rechten, von Krieg, Rassismus, Künstlicher Intelligenz und PISA. Alles garantierte Erholungskiller. Ein Platz unter dem schiefen Turm der schönen Stadt Pisa, die nichts mit dem schlechten Abschneiden der deutschen Schüler beim Rechnen und Lesen zu tun hat, ist behaglicher als einer in einem wackeligen deutschen Klassezimmer.

Ich habe im Urlaub den Roman „Rabbit in Ruhe“ von John Updike gelesen, nicht nur weil Marcel Reich-Ranicki und meine Frau meinten, er sei einer der besten der amerikanischen Literatur, sondern auch wegen des verheißungsvollen Titels. Das war ein Irrtum. Von Ruhe keine Spur. Er endet zwar mit dem schönen Wort „Genug“, aber davor sind 656 Seiten prall gefüllt mit der oft bösartigen Schilderung des Way of life in Florida und in der Kleinstadt Brewer(Maine), mit Autohandel, TV-Schrott, Sex, Drogen, Reagan, Working girls, Hitler, Titten, Nixon, Burger, Trump als begehrtesten Junggesellen des Jahres – alles im Schleudergang dieser virtuosen Waschmaschine. Besonders viel erfährt man über Sucht in verschiedener Form. Würde der Roman heute spielen und nicht in den 80er Jahren, hätten alle ein Handy. Immer und überall. Unser Suchtproblem ist das Handy. Goethe hat es als Parabel in seinem berühmten Gedicht „Der Zauberlehrling“ beschrieben. „Herr, die Not ist groß! / Die ich rief, die Geister / Werd ich nun nicht los.“ Wir haben das Handy geschaffen, aber wir beherrschen es nicht mehr. Wir haben die Kontrolle verloren. In noch größeren Dimensionen sorgt sich aktuell die Menschheit über diesen Kontrollverlust bei der Künstlichen Intelligenz. 

Als Hausarzt würde ich sagen: Urlaub ohne Handy ist die beste Erholung. Als Belohnung in Italien: Bistecca alla fiorentina und Tiramisu (in Maßen).