
Die Kolumne von Dr. Dietrich Mack

Dr. Dietrich Mack ist Autor, Dramaturg und Kulturpublizist. Nach seinem Studium der Philosophie, Theater-, Musik- und Kunstgeschichte war er unter anderem bei den Bayreuther Festspielen tätig und leitete später den Bereich Film, Serie und Musik beim Südwestrundfunk (SWR). Seit vielen Jahren schreibt er über Kunst, Musik und Literatur und begeistert seine Leserinnen und Leser mit fundierten Beobachtungen, feinem Humor und einem wachen Blick auf die Kultur unserer Zeit. (Wikipedia)
Wie viele Divisionen hat der Papst?
Wahrscheinlich wissen viele Menschen nicht mehr, was Pfingsten vor knapp zweitausend Jahren in Palästina geschah ist. Nach Jesus Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt erschien den verzagten elf Jüngern und einigen Anhängern fünfzig Tage nach Ostern der Heilige Geist mit Brausen vom Himmel und Feuerzungen, erleuchtete sie und erfüllte ihre Herzen. Petrus, den Jesus schon zu Lebzeiten als Fels bezeichnet hatte, auf den er seine Gemeinde bauen wolle (Matthäus 16,18), machte ihnen Mut, befahl ihnen Buße und Taufe, um das Evangelium in aller Welt zu verkünden. Die Welt war feindlich, sie hatten keine Waffen, aber sie waren bereit, für das Evangelium zu sterben. Mit einem kleinen Häuflein begann die katholische Kirche. Petrus war ihr Anführer. Auf ihn werden sich alle Päpste berufen.
Es wurde eine gewaltige und gewalttätige Geschichte. Immer wieder verhielten sich Päpste wie grausame Diktatoren, gingen unheilige Allianzen mit den weltlichen Herrschern ein, wurden gefeiert, verbannt, ermordet. Die schlimmsten Exzesse waren die Kreuzzüge und die Inquisition mit den brutalen Hexenverbrennungen. Andererseits verdanken wir dem Papsttum nicht nur die Sixtinische Kapelle Michelangelos und die Stanzen Raffaels im Vatikan, sondern wie Mortimer, der in den dumpfen Predigtstuben der Puritaner ausgewachsen war, in Schillers „Maria Stuart“ in Italien schwärmt: „der Künste Macht“. Luther zwang das Papsttum zwar in die Knie, aber es fiel nicht, hat alle Kaiser- und Königreiche überlebt, ist bis heute trotz vieler Skandale, leerer Kirchen und Austritte eine Macht geblieben, die wahrscheinlich „am längeren Hebel“ sitzt, weil sie schmerzhaft gelernt hat, dass ihre Macht nicht auf Divisionen beruht.
Zu den berühmten Zitaten, die möglicherweise nicht wahr, aber gut erfunden sind, gehört die Frage von Stalin bei der Konferenz von Jalta im Mai 1944, als Churchill und Präsident Roosevelt vorschlugen, den Papst an der Neuordnung Europas zu beteiligen: „Den Papst? Wie viele Divisionen hat er denn?“ Bei den Verhandlungen über die polnische Grenze in Potsdam 1945 soll er sie nochmals wiederholt haben. Als Machtpolitiker fand er den Vorschlag lächerlich. Gut möglich, aber das ist nicht überliefert, biss er an seiner Pfeife herum, knurrte: ‚Mitreden könne man nur, wenn man Soldaten hat‘ und machte noch einen Witz über die Schweizer Garde mit ihren schönen Uniformen. Die Rote Armee war damals mit 12 Millionen Soldaten die größte Armee der Weltgeschichte. Hätte der Papst seine 1,4 Milliarden Katholiken mobilisieren können, so wäre seine Armee der Roten Armee hundertfach überlegen gewesen. Aber das sind nur Zahlenspielereien. Sie haben mit politischer Machtpolitik nichts zu tun. Doch mit dem Papst sollte man vorsichtig umgehen.
Die Macht des Papsttums gründet nicht auf Divisionen, sondern auf weichen Kriterien wie Tradition, Zeremonien, Glauben, gelebten Christentums. Wenn der Papst und seine Priesterschaft diese „soft skills“ erfüllen, wenn sie moralische Autorität besitzen, brauchen sie keine Divisionen, sitzen im Streit mit weltlichen Herrschern am längeren Hebel. Wie das auch Gandhi in Indien gelungen ist. Putin war klüger als Trump, hat sich den Patriarchen der russisch-orthodoxe Kirche Kyrill I. gefügig gemacht, Trump hat sich mit Papst XIV., der den Krieg gegen den Iran verurteilt hat, angelegt. Er könnte es noch bereuen.
Die Schweizergarde des Vatikans zählt heute 135 Mann. Das ist ziemlich genau die Zahl von Menschen, die nach dem Bericht der Apostelgeschichte das Pfingstwunder erlebten, und mit denen die Geschichte der Kirche begann. Für Stalin wäre das eine lächerliche Zahl gewesen, für die Weltgeschichte offenbar nicht. Allerdings waren vor fast zweitausend Jahren in Palästina auch Frauen dabei.