Kolumne

Gedanken, Beobachtungen und Geschichten rund um Kultur, Kunst und das Leben von Dr. Dietrich Mack.

Dr. Dietrich Mack ist Autor, Dramaturg und Kulturpublizist. Nach seinem Studium der Philosophie, Theater-, Musik- und Kunstgeschichte war er unter anderem bei den Bayreuther Festspielen tätig und leitete später den Bereich Film, Serie und Musik beim Südwestrundfunk (SWR). Seit vielen Jahren schreibt er über Kunst, Musik und Literatur und begeistert seine Leserinnen und Leser mit fundierten Beobachtungen, feinem Humor und einem wachen Blick auf die Kultur unserer Zeit. (Wikipedia)



Lasst es krachen!

Nach meiner Kolumne über die Schwierigkeiten, Urlaub zu machen, schrieb mir eine Leserin, Urlaub werde überschätzt, er diene vor allem dazu, sich wieder auf den Arbeitsalltag zu freuen. Der Satz ließ mich nicht los. Vielleicht wäre die bessere Alternative, zu Hause zu bleiben und Feste zu feiern. Leicht gesagt, schwer getan. 

Die Schwierigkeiten beginnen bei der Auswahl der Gäste: Wem sind wir verpflichtet? Wer passt  sozial, charakterlich, politisch zu wem?  Viele Themen, nicht nur Migration, AfD, Rentenreform oder Fachkräftemangel, sind Minenfelder, Gäste könnten als Freunde kommen und Feinde gehen. Ebenso schwierig ist es, einen Termin zu finden, fast so schwierig wie ein Termin beim Kardiologen, der kurzfristig den 13. Oktober anbietet – im nächsten Jahr. Wenn nach endloser Schieberei in Excel-Tabellen und Whatsapp-Gruppen der Termin feststeht,  fehlen oft die besten Freunde. Doch es gibt kein Zurück. Man muss einkaufen, die Gäste stehen vor der Tür. Schwerstarbeit. Es gibt Vegetarier, Veganer, Jägetarier, Zöliakiener, Allergieaner, Wegovyaner, Antialkoholiker. Flexitarier sind uns am liebsten. Fleischesser und Weintrinker sind auf dem Rückzug. Süße Desserts lieben nur dicke Männer. Kurz: Alles soll maßvoll, vernünftig, harmonisch, gesund sein. Menschen wie Speisen müssen verträglich sein. Verträglichkeit ist das Zauberwort für moderne Feste. Kann das auch lustig sein?

Die hochgebildeten alten Griechen feierten ihre „Symposien“, ihre Trinkgelage bis die Sonne aufging. Platon, der berühmteste aller griechischen Philosophen, schildert im „Gastmahl“ so ein Gelage. Am Vorabend hatte man sich der Trunkenheit hingegeben, am nächsten Abend traf man sich, um zur Erholung Lobreden auf den Gott Eros zu halten. Ein heikler Themenabend, würde man sagen. Man wird deutlich, man wird persönlich, aber nicht handgreiflich. Jeder hört höflich zu, applaudiert und ergreift das Wort. Als letzter Sokrates. Auch er liebt schöne Knaben, aber noch mehr kluge Köpfe. Er „versteckt“ sich hinter Diotima, die ihm gesagt habe, dass die Liebe von der konkreten körperlichen Liebe über fünf Stufen aufsteige zu einer geistigen Idee, die alles beherrsche. Eine Frau hatte das letzte Wort. Die prominente Männerrunde nahm das mit Beifall auf. Ob das heute noch so wäre? Kürzlich las ich wieder „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak und war beeindruckt von der Kraft und Leidenschaft, mit der diese Menschen in Elend und Chaos ihre Feste feierten, sich betranken, zerstritten, versöhnten. In Verdis Oper „Falstaff“ dreht sich alles um sinnlichen Genuss. Auch Don Giovanni lädt zu einem rauschenden Fest ein; sein zweites wird dann sein letztes sein. Bedauerlich seufzen  alle Mozart-Liebhaberinnen. Überall Exzesse, von Tannhäuser, der im Venusberg sicher nicht vegan lebte, bis zu „Sancta“ von Florentina Holzinger, bei der Feste in Orgien übergehen. „Traviata“ von Verdi gehört zu meinen Lieblingsopern, noch heute weine ich über das Schicksal von Violetta. In dem vielleicht berühmtesten  Opernlied, in „Libiamo ne‘ lieti calici“, in diesem Trinklied feiert Violetta das Leben als Freudenfest: „La vita è nel tripudio“. Champagner fließt in Strömen. Sie verdrängt die ersten Symptome ihrer Tuberkulose, doch wir wissen, dass sie bald sterben wird. Stilles Volvic Wasser und veganes Fingerfood wären zwar vernünftiger, aber undenkbar.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Gelungene Feste im Leben hängen nicht von Alkoholkonsum und Wildschweinbraten ab, sondern von Verschwendung, Überfluss, Kontrollverlust. Das ist keine Frage des Geldes. Als Studenten feierten wir Partys mit Grünem Veltliner aus der Doppelliterflasche und Schmalzbrot, mit klugen Reden und engen Tänzen. Wir saßen und lagen wie die alten Griechen zu lange beieinander, tranken zu viel, redeten und lachten zu  laut. An Kampfhähnen und Schluckspechten fehlte es nie, auch  ohne Kaviar und Champagner ließen wir es richtig krachen, ohne uns zu verkrachen. Aus heutiger Sicht war vieles nicht korrekt, vieles nicht gesund. Aber ein Mediziner unter uns, der seiner Zeit voraus war und Karriere machte, sagte schon damals: Geselligkeit schützt vor Demenz. Heute ist das Standard im Gesundheitswesen.