Kolumne

Gedanken, Beobachtungen und Geschichten rund um Kultur, Kunst und das Leben von Dr. Dietrich Mack.

Dr. Dietrich Mack ist Autor, Dramaturg und Kulturpublizist. Nach seinem Studium der Philosophie, Theater-, Musik- und Kunstgeschichte war er unter anderem bei den Bayreuther Festspielen tätig und leitete später den Bereich Film, Serie und Musik beim Südwestrundfunk (SWR). Seit vielen Jahren schreibt er über Kunst, Musik und Literatur und begeistert seine Leserinnen und Leser mit fundierten Beobachtungen, feinem Humor und einem wachen Blick auf die Kultur unserer Zeit. (Wikipedia)



Mehr als ein Spektakel 

Der „Kissinger Sommer“ feierte sein 40. Jubiläum mit einem Spektakel. Aber es war mehr als ein Spektakel. „You can change Your life in a dance class“ – Du kannst Dein Leben in einer Tanzklasse ändern – aber auch in einem Chor. Das eine erlebte  man vor vielen Jahren in Berlin, das andere jetzt in Bad Kissingen. In Berlin hatte der Dirigent Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern ein Tanzprojekt  realisiert, in dem  Royston Maldroom  mit 250 Kindern und Jugendlichen aus vielen Nationen, die meisten aus prekären Verhältnissen, eine Choreographie zu „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinsky erarbeitete. Die Aufführung vor 3000 Zuschauern und der Film mit dem Titel „Rhythme is it!“ waren ein internationaler Erfolg. Auch in Kissingen waren es 3000 begeisterte Zuschauer, als Simon Rattle, dieser Locken- und Feuerkopf, der mit ungebrochenem Elan immer wieder Jugendliche und Laien für klassische Musik begeistert, die „Carmina burana“ von Carl Orff auf der grünen Wiese vor dem Turnierhaus mit mehr als 600 Mitwirkenden aufführte. Es war ein riesiger technischer und organisatorischer Aufwand, im musikalischen  Kraftzentrum Musiker der Spitzenklasse:  Orchester und Chor des Bayerischen Rundfunks  und drei Solisten. Zusätzlich wirkten zwölf Laienchöre aus ganz Bayern mit, 200 hatten sich beworben. Schon dadurch hatte das Projekt eine enorme Ausstrahlung. 

Vor der Pause gab es interessante Stück von Aaron Copland, Judith Weirs und Ralph Vaughan, aber vielleicht hätten die „Old American Songs“ von Copland als Vorspiel genügt und damit dem Thema des Festivals „Mazel Tov“ Tribut gezollt, denn alle warteten darauf, dass die Sonne sank und „Carmina burana“ begann. Die Faszination dieses Werkes erschließt sich nicht aus den lateinischen und mittelhochdeutschen Texten, sondern aus der Universalsprache von Rhythmus, Klang und körperlicher Energie. Die Klangmassen überwältigen zwar, doch wichtiger waren Rattle die Klangstrukturen und -balance, die Transparenz und die vielen leisen Schönheiten der Musik. Das war das Ergebnis von intensiver Probenarbeit. Ein Jahr lang hatten die Chöre geprobt und diese Probenarbeit war für die Mitwirkenden ebenso wichtig wie die Aufführung.  Ein Mädchen aus dem Schwabinger Kinderchor schwärmte von der tollen Musik und den tollen Leuten; die Texte waren ihr nicht wichtig, musste man halt lernen. Dieses vibrierende Gefühl einer Gemeinschaft übertrug sich auch auf das Publikum. Die viel zitierte Behauptung: Musik verbindet, war hier zu erleben.

Ein Projekt dieser Größenordnung war für Kissingen erst- und einmalig, aber das goldene Jubiläum kommt bestimmt und dem seit fünf Jahren erfolgreich amtierenden Intendanten Alexander Steinbeis sind noch wunderbare Sachen zuzutrauen. Auf ein Wunder kann er zuverlässig bauen, auf den Max-Littmann-Saal inmitten der großzügigen Kuranlagen und Parks, opulenter als die in Baden-Baden. Dieser Saal des Architekten Littmann, der auch die Stuttgarter Oper gebaut hat, ist ein Wunderwerk aus Eleganz, Wärme, Klang, voll und durchhörbar zugleich. Kirsch- und Fichtenholz, vornehmes Dekor. Wie ein kostbares Instrument, wie eine Geige, auf Augenhöhe mit dem Goldenen Saal im Musikverein Wien, der prunkvoller auftritt. Am Abend vor dem Jubiläumskonzert war er wieder ausverkauft. 1200 Besucher erlebten das Konzerthausorchester Berlin, dirigiert von seiner Chefin Joana Mallwitz, die wir seit den Osterfestspielen in Baden-Baden lieben. Josef Spacek spielte ohne Effekthascherei das Violinkonzert e-Moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Das berühmte Andante ließ er in diesem Raum leicht und in allen Nuancen hörbar singen. Wie elegant und energisch Mallwitz mit weitausholenden Gebärden dirigiert, erlebte man dann in der selten gespielten 2. Sinfonie von Kurt Weill, die in Deutschland erstmals 1975 aufgeführt wurde, 41 Jahre nach der Uraufführung. Auch dazu konnte man sagen: „Mazel Tov“ – herzlichen Glückwunsch.