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Kolumne von Dr. Dietrich Mack


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Der ganz normale Wahnsinn: Oper und Fußball

Möglicherweise hat der Musikliebhaber Herzog Vicenzo der Erste aus dem Geschlecht der Gonzaga in Mantua einen Fehler gemacht, als er 1607 „Orfeo“, die erste Oper seines Hofkomponisten Claudio Monteverdi, in seinem Palast und nicht in einem Amphitheater aufführen ließ. Denn eigentlich wollte man damals die griechische Tragödie wiederbeleben und die wurde bekanntlich in den großen Theatern in Athen,  Megalopoli, Argos, Epidaurus und anderen Theatern vor 15000 oder 20000 Menschen aufgeführt. Besonders eindrucksvoll sind diese Zahlen, wenn man bedenkt, dass Athen damals 300 000 und Sparta 230 000 Einwohner hatte. Die Griechen waren theaterverrückt und basisdemokratisch. Theaterverrückt war der Fürst auch, aber er ließ vor einem kleinen, feinen Publikum spielen. Das Schicksal der Oper als eine elitäre Veranstaltung nahm seinen Lauf über Gluck, Hadyn, Mozart, Verdi, Wagner, Strauss, Puccini und viele andere Komponisten bis in unsere Tage, getragen von den Höfen, Ländern, Städten, Steuerzahlern. Eine „Massenveranstaltung“ ist die Oper, sieht man von einzelnen Veranstaltungen wie in Verona ab, nicht geworden. Dieses Erbe der Antike haben Popkonzerte und Fußballspiele übernommen. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten von Oper und Fußball, wie man in diesen Wochen erleben kann, in denen zumindest Europa fußballisiert ist.
Zur Oper wie zum Fußball gehören Krisen. Oper wurde schon oft aus künstlerischen und weltanschaulichen Gründen totgesagt. Oft wurde sie politisch missbraucht. Doch sie lebt, ist immer wieder der emotionale Höhepunkt der Theater und Festivals. Die Krisen des Fußballs verunsichern nicht nur die Fachwelt, sondern alle Nationen, in denen sie auftreten. Politische und kommerzielle Vereinnahmung  „schluckt“ man, wenn Tore geschossen werden. So einfach ist das.
Oper und Fußball sind Feste, das heißt sie haben nichts mit unserem Alltag zu tun. Sie haben einen Anfang und ein Ende, dazwischen viele Aufregungen, Zufälle, Unwahrscheinlichkeiten. Geregelter Wahnsinn. Warum singt man in der Oper, warum laufen 22 erwachsene Männer hinter einem Ball her (ein etwas weltfremder Domorganist schlug mal vor, man solle jedem Spieler einen Ball geben)? Man stelle sich vor, Stammtische, Partys, Parteitage, Koalitionsverhandlungen, G 7 Gipfel würden, zumindest wie die Höhepunkte im indischen Kino, singend zelebriert, sie würden mit Sicherheit anders verlaufen, hätten andere Ergebnisse. Vielleicht bessere!
Auch im Fußball wird gesungen, zumindest von den Fans. Es sind, wie ein schöner Film von Harold Woetzel heißt: „Die letzten Schlachtgesänge“. Die Spieler, vor allem die deutschen, sind bei der Nationalhymne zwar mundfaul, aber die Fans umso stimmgewaltiger. Man erinnert sich an die isländischen „Húh“-Schlachtrufe, an das trotzige Lied „Football´s coming home“ der Engländer, jetzt begeisterten die Schotten mit „No Scotland, no Party“, unterstützt von zwanzig Dudelsackspielern, und die Österreicher mit dem Song „I am from Austria“ von Rainhard Fendrich. Die Opernfans sind zur Ruhe verdonnert, nur in südlichen Ländern rufen sie „Bravo“ und „Da Capo“.
Richtig aufregend ist der konkrete Wahnsinn. Ohne das niedliche Taschentuch würde Otello Desdemona nicht ermorden, ohne die Verwechslung des Tranks könnte „Tristan und Isolde“ ein Happyend haben. Ohne die Grausamkeiten des Fußballgottes, ohne den VAR, der wie ein Deus ex machina eingriff, müssten die Kroaten und Dänen nicht heimreisen. Es ging um Millimeter und Elfmeter innerhalb von Sekunden, in denen die Helden Luca Modric und Joachim Andersen zu tragischen Figuren wurden.
Von diesen dramatischen, unwahrscheinlichen Situationen, von dieser Achterbahn großer Gefühle leben Oper und Fußball. „Emotion“ ist die Kurzdefinition für Oper und Fußball. Natürlich gibt es Wichtigeres im Leben. Aber schön sind Oper und Fußball doch. Nicht immer, aber immer wieder.

 

Mit diesem Text begann alles im Jahr 2015...

Unausweichlich: der Jahreswechsel kommt

In vielen Familien haben Silvester und Neujahr feste Rituale. Diese Familien sind glücklich. Ich beneide sie. Bei uns beginnt die Diskussion jedes Jahr von neuem, wenn die Supermärkte die Osterhasen in Weihnachtsmänner umgeschmolzen haben, also im Spätsommer. Sie verschärft sich von Tag zu Tag. Meine Frau, ein Zwilling, ist mit Harmonie und Unentschlossenheit gesegnet. Um mich zu
besänftigen, sagte sie schließlich: „Wien, das wird dir gefallen.“ Viele Jahre habe ich dort studiert, gearbeitet und vor allem gelebt. Meine seligen Erinnerungen kennt sie auswendig, wie das in guten Ehen üblich ist. Wohnen, wo Pavarotti Pasta kochte, Tafelspitz bei Plachutta, Stöbern im Dorotheum, Häppchen mit Pfiff bei Trzesniewsky, Hawelka gegenüber, Stadtheuriger, Krönungsmesse in der Hofburg. Perfekt – dachte ich. Meine Frau nickte ergeben:„Aber nur, wenn wir ins Neujahrskonzert gehen.“ Ich hielt die Luft an. Sie wollte in den Musikvereinssaal, in diesen goldenen Tempel der klassischen Musik. Ein normales Abonnement für die Wiener Philharmoniker ist als Erbschaft begehrter als ein prall gefülltes Nummernkonto. Als Studenten mussten wir auf viele Heurige verzichten und viele Schillinge für Trinkgelder locker machen, um dort Konzerte mit neuer Musik zu hören, also alles nach Wagner, Strauss mal ausgenommen. Ins Neujahrskonzert kam ich nie. Die Eltern meines Freundes aus Texas hatten es ein Mal geschafft. Sie wohnten im Sacher, erwarben sich das Wohlwollen des Chefportiers, der ihnen mit seinen gekreuzten goldenen Schlüsseln das Neujahrskonzert aufschloss. Große Geldscheine umwölkten meine Stirn. Als ich zum Telefon griff, riet mir meine Frau zum Internet, das sei nicht so vornehm, aber sicher preiswerter. Ich fand ein Ticketcenter, das Karten in der besten Kategorie anbot. Meine Lesebrille beschlug sich. Meine Frau hörte mein Stöhnen: „Such bei ebay“. Neue Hoffnung, neue Eingabe. Viele Neujahrskonzerte auf CD, MP3, DVD, Bilder, Bücher und, irgendwo versteckt, 2 Karten gegen Höchstgebot, 5400 (in Worten fünftausendvierhundert) Euro, nicht Schilling. „Immerhin“, sagte meine Frau, „billiger als beim Ticketcenter“.
Dort sollten zwei Karten 7800 Euro kosten, beste Kategorie. Meine Frau gab nicht auf: „Stehplatz, das macht uns jünger.“ Ich schaute auf den Bildschirm: Ärmer! Zwei Karten 1500 Euro. Ein letztes Aufbäumen: „Erinnere dich an die geteilte Walküre? Jeder eine Halbzeit auf Stehplatz.“ Ich rechnete: das wären läppische 375 Euro für jeden, Stehplatz, eine Halbzeit. Wir schauten uns an,
lachten und beschlossen, Jahresabonnements für die Opern in Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg und viele schöne Konzertreihen zu kaufen. Auch das Festspielhaus in Baden-Baden werden wir uns leisten. Wir hatten ja viel gespart. Aber nach Wien reisen wir trotzdem. Ich will mich mit dem Mann mit den goldenen Schlüsseln unterhalten, vertraulich. Neujahr bleibt unausweichlich.