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Kolumne von Dr. Dietrich Mack


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Auferstanden aus Routine und der Zukunft zugewandt
Endlich mal gute Nachrichten. Kein Wort über diese alten weißen Männer (ein paar junge sind leider auch dabei), die uns mit ihren Sprüchen und Taten täglich beunruhigen. Im Frühling sind wir „der Zukunft zugewandt“, ohne gleich an die DDR-Hymne zu denken, denn dann wären wir wieder bei den alten weißen Männern. Nein, die Zukunft gehört den jungen Dirigentinnen und Dirigenten.
Im Sport sind Sieger immer jung, weil sie neben den Talenten ehrgeizige Eltern haben, zur Taufe Tennis- und Fußbälle, Trainerstunden und Stipendien geschenkt bekommen. Wer Olympiasieger im Weitsprung werden will, muss schon dem Kinderwagen entspringen. In den Bildenden Künsten gibt es zwar Frühreife (Picasso etwa), aber Hokusai meinte, erst mit hundert würde er erst ein wahrer Künstler sein.  Auch Schriftsteller reifen in der Regel langsam. Kinderbücher schreiben in der Regel Erwachsene, nicht Kinder. Sängerinnen und Sänger haben erst den Stimmbruch zu überwinden und brauchen dann Jahre, um für viele Rollen reif zu werden. Eine Brünnhilde mit achtzehn geht nicht. Unter den Instrumentalisten sind die Violinisten und vor allem die Pianisten berühmt für sehr frühe Meisterschaft. Der berühmteste von allen war Mozart. Mit vier Jahren fing er an, sogleich virtuos Klavier zu spielen. Für alle anderen heißt es, wer ein Tastenlöwe oder ein Paganini werden will, muss üben, üben, üben, statt Fußball zu spielen.
Jetzt machen die Dirigenten und Dirigentinnen eine rasante Entwicklung. Schon immer gab es junge Kapellmeister in der Provinz, aber die Chefpositionen der großen Orchester und Opernhäuser teilten, wie in vielen Bereichen unserer Gesellschaft, würdige Männer unter sich auf. Die berühmtesten wie Herbert von Karajan, Leonard Bernstein, Carlos Kleiber, Georg Solti, Nikolaus Harnoncourt oder Claudio Abbado dirigieren inzwischen die Engelsmusik. Auf Erden herrschen noch die Altmeister Riccardo Muti, Simon Rattle, Zubin Metha, Christian Thielemann oder Kirill Petrenko, bedrängt, aber nicht verdrängt von Best Agern wie Andris Nelsons, Yannick Nézet-Séguin oder Gustavo Dudamel. Seit wenigen Jahren erobert nun die Jugend, männlich wie weiblich, den Thronsaal der Klassik.
Das ist ebenso erstaunlich wie erfreulich. Denn sie müssen nicht nur das Dirigier-Handwerk erlernen, meist auch ein Instrument, und dicke, oft komplizierte Partituren studieren, sondern vor allem müssen sie ihre Interpretation einem Orchester beibringen. Da steht so ein junger Mensch, gar eine Frau, ganz allein vor einem Haufen von Individualisten und Experten und muss mit musikalischem Können und Persönlichkeit überzeugen, denn über lange Erfahrung und großen Ruhm verfügt er (noch) nicht. Woke darf er nicht sein, aber auch nicht autoritär. Kompetenz entsteht aus einem zwanglosen Zwang, den der eine ausübt, der andere akzeptiert. Man ist auf einander angewiesen.
Da gab es viele Schranken. Geschlecht und Jugend waren die höchsten. Das Wiener Neujahrskonzert hat bisher keine Frau dirigiert und noch vor sieben Jahren sagte die Intendantin der Berliner Philharmoniker, es gäbe einen erheblichen Entwicklungsbedarf. Das ändert sich gerade durch Oksana Lyniv, Mirga Grazinyté-Tyla, Alondra de la Parra, Nathalie Stutzmann oder Joana Mallwitz, die bei den großen Festspielen und Orchestern die eisernen Schranken durchbrechen. Dennoch sind sie immer noch etwas Besonderes. Aber sie werden sich behaupten – wie auch die ganz jungen Dirigenten. Unter ihnen Klaus Mäkelä und  Tarmo Peltokoski , beide in Finnland geboren, dem glücklichsten Land der Welt. Ob das Zufall ist? Peltokoski  dirigierte bereits mit 22 Jahren 2022 Wagners kompletten „Ring“, Mäkelä (geboren 1996) ist ohne Zweifel der Superstar unter den jungen, zerreißt sich zwischen mehreren Chefpositionen und wird bei den Osterfestspielen in Baden-Baden zukünftig eine dominante Rolle spielen.
Der Erfolg dieser Generation, zu der auch die Frauen um vierzig zählen, beruht darin, dass sie Orchester wie Publikum begeistern können. Routine hat der Klassikbetrieb genug, Begeisterung zu wenig. Schöne Aussichten also.

Mit diesem Text begann alles im Jahr 2015...

Unausweichlich: der Jahreswechsel kommt

In vielen Familien haben Silvester und Neujahr feste Rituale. Diese Familien sind glücklich. Ich beneide sie. Bei uns beginnt die Diskussion jedes Jahr von neuem, wenn die Supermärkte die Osterhasen in Weihnachtsmänner umgeschmolzen haben, also im Spätsommer. Sie verschärft sich von Tag zu Tag. Meine Frau, ein Zwilling, ist mit Harmonie und Unentschlossenheit gesegnet. Um mich zu
besänftigen, sagte sie schließlich: „Wien, das wird dir gefallen.“ Viele Jahre habe ich dort studiert, gearbeitet und vor allem gelebt. Meine seligen Erinnerungen kennt sie auswendig, wie das in guten Ehen üblich ist. Wohnen, wo Pavarotti Pasta kochte, Tafelspitz bei Plachutta, Stöbern im Dorotheum, Häppchen mit Pfiff bei Trzesniewsky, Hawelka gegenüber, Stadtheuriger, Krönungsmesse in der Hofburg. Perfekt – dachte ich. Meine Frau nickte ergeben:„Aber nur, wenn wir ins Neujahrskonzert gehen.“ Ich hielt die Luft an. Sie wollte in den Musikvereinssaal, in diesen goldenen Tempel der klassischen Musik. Ein normales Abonnement für die Wiener Philharmoniker ist als Erbschaft begehrter als ein prall gefülltes Nummernkonto. Als Studenten mussten wir auf viele Heurige verzichten und viele Schillinge für Trinkgelder locker machen, um dort Konzerte mit neuer Musik zu hören, also alles nach Wagner, Strauss mal ausgenommen. Ins Neujahrskonzert kam ich nie. Die Eltern meines Freundes aus Texas hatten es ein Mal geschafft. Sie wohnten im Sacher, erwarben sich das Wohlwollen des Chefportiers, der ihnen mit seinen gekreuzten goldenen Schlüsseln das Neujahrskonzert aufschloss. Große Geldscheine umwölkten meine Stirn. Als ich zum Telefon griff, riet mir meine Frau zum Internet, das sei nicht so vornehm, aber sicher preiswerter. Ich fand ein Ticketcenter, das Karten in der besten Kategorie anbot. Meine Lesebrille beschlug sich. Meine Frau hörte mein Stöhnen: „Such bei ebay“. Neue Hoffnung, neue Eingabe. Viele Neujahrskonzerte auf CD, MP3, DVD, Bilder, Bücher und, irgendwo versteckt, 2 Karten gegen Höchstgebot, 5400 (in Worten fünftausendvierhundert) Euro, nicht Schilling. „Immerhin“, sagte meine Frau, „billiger als beim Ticketcenter“.
Dort sollten zwei Karten 7800 Euro kosten, beste Kategorie. Meine Frau gab nicht auf: „Stehplatz, das macht uns jünger.“ Ich schaute auf den Bildschirm: Ärmer! Zwei Karten 1500 Euro. Ein letztes Aufbäumen: „Erinnere dich an die geteilte Walküre? Jeder eine Halbzeit auf Stehplatz.“ Ich rechnete: das wären läppische 375 Euro für jeden, Stehplatz, eine Halbzeit. Wir schauten uns an,
lachten und beschlossen, Jahresabonnements für die Opern in Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg und viele schöne Konzertreihen zu kaufen. Auch das Festspielhaus in Baden-Baden werden wir uns leisten. Wir hatten ja viel gespart. Aber nach Wien reisen wir trotzdem. Ich will mich mit dem Mann mit den goldenen Schlüsseln unterhalten, vertraulich. Neujahr bleibt unausweichlich.